19.11.2020 - dsj/ Antonia Weishaar

Politische Bildung im Kindes- und Jugendalter braucht mehr Gewicht!

16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung Quelle: BMFSJ
16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung Quelle: BMFSJ
Der 16. Kinder- und Jugendbericht mit dem Schwerpunkt „Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter“ ist Mitte November zusammen mit der Stellungnahme der Bundesregierung veröffentlicht worden. Er stellt eine Übersicht über soziale Räume zusammen, innerhalb derer politische Bildung von Kindern und Jugendlichen stattfindet. Auch der Sport, Jugendverbände und Bildungsstätten finden darin Beachtung. Die beauftragte Sachverständigenkommission hat unter dem Schwerpunktthema Demokratiebildung auch das Feld der Kinder- und Jugendarbeit und die Arbeit der Sportvereine in den Blick genommen. Alle vier Jahre gibt die Bundesregierung diesen Bericht zu Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen in Auftrag.

Bekenntnis der Politik gefordert: Eine an Demokratie und Menschenrechten orientierte politische Bildung ist unverzichtbar
Im Bericht heißt es, dass mehr Mitsprache von Kindern und Jugendlichen von Politik sichergestellt werden sollte und die Autor*innen verbinden damit den Appell: Politische Bildung braucht mehr Gewicht. Über das Recht auf Mitsprache, kritisches Denken, Hinterfragen und darüber, aktives Mitgestalten in allen gesellschaftlichen Bereichen aufzuklären und Möglichkeiten der Beteiligung aufzuzeigen, könne politische Bildung wirken. Es dürfe auch nicht um halbherziges Beteiligen gehen. Engagement junger Menschen muss ihnen wirkliche Einblicke und Erkenntnisse über das demokratische Zusammenleben bringen. Im besten Fall lernen Kinder von klein auf Selbstbestimmung, Mitgestaltung sowie Verantwortung kennen und Jugendliche entwickeln ein immer besseres Verständnis von Politik und Demokratie - geprägt durch Erfahrungen aus Schule, Freizeit oder ersten Engagements im Sportverein oder Jugendverband.

Vereinssport für junge Menschen als politischer Erfahrungsraum
Michael Leyendecker, 1. Vorsitzender der Deutschen Sportjugend sagt: “Sport im Verein ist mehr als Bewegung. Es ist Kompromisse schließen, mit Sieg und Niederlage umgehen und Akzeptanz und Toleranz lernen und damit Erfahrungsraum für politische Bildung.”
Politische Bildung im engeren Sinne wird es allerdings erst dann, wenn eine gesellschaftspolitische Einordnung und Reflexion passiert. Dazu gehört das Schaffen von Grundlagen für ein langfristiges, demokratisches Denken und die nachhaltige Förderung der demokratischen Teilhabe. Eine Reduzierung dieser Prozesse auf Extremismusprävention ist dabei nicht angebracht. Der 16. Kinder- und Jugendbericht bescheinigt Sportangeboten allgemein, dass sie in beinahe allen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe und insgesamt im Alltag von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Rolle einnehmen und Räume für niedrigschwellige Partizipations- und Engagementformen bieten.
„Sportangebote bieten damit ein großes Potenzial für Bildungsprozesse, gerade für Kinder- und Jugendliche, die sich von expliziten politischen Jugendbildungsangeboten weniger angesprochen fühlen. Sportliche Regeln wie Fair Play, gemeinschaftliches Agieren im Team oder Respekt vor dem sportlichen Gegner bieten zudem vielfältige Anknüpfungspunkte im Hinblick auf demokratisches Miteinander im Alltag. Allerdings legen aktuelle Forschungsergebnisse nahe, dass allein die Teilnahme an sportlichen Freizeitaktivitäten oder die Mitgliedschaft im Sportverein keine signifikante Relevanz für die Ausprägung von politischem Wissen oder politischer Partizipationsbereitschaft aufweisen (vgl. Baykara-Krumme/Deimel 2017).“ (16. KJB, Seite 155).
Der Bericht erwähnt weiterhin die Anfälligkeit für die Verbreitung von menschenfeindlichem Gedankengut in Sportvereinen und bescheinigt den Dachverbänden des Sports wie der Deutschen Sportjugend sowie deren Mitgliedsorganisationen Problembewusstsein und Einsatz für demokratische Vereinskultur.

Politische Bildung in der Kinder- und Jugendarbeit – zum Teil schlecht vernetzt?
Kinder- und Jugendarbeit knüpft an die Interessen vieler junger Menschen an und ist vielfältig. Dazu gehört auch die internationale oder die sportliche Kinder- und Jugendarbeit. Sie ist geprägt durch Offenheit, Freiwilligkeit, Selbst- und Mitbestimmung. In Bezug auf Fragen der demokratischen oder politischen Bildung stellt der Bericht allerdings kritisch fest, dass die Kooperation und die gegenseitige Kenntnis- und Bezugnahme zwischen der außerschulischen politischen Bildung und den weiteren Säulen der Kinder- und Jugendarbeit (Kinder- und Jugendarbeit im Sport, Kinder- und Jugendverbandsarbeit, offene Kinder- und Jugendarbeit, internationale Kinder- und Jugendarbeit oder kulturelle Kinderund Jugendbildung) verbessert werden sollte. Aus Sicht der Deutschen Sportjugend ist diese Feststellung durchaus zu bestätigen. Aus dem Kapitel zur Kinder- und Jugendarbeit lassen sich darüber hinaus viele weitere Erkenntnisse und Forderungen ableiten.

Freiwilligendienste für junge Menschen als sozialer Raum politischer Bildung
Freiwilligendienste für junge Menschen sind eine besondere Form des bürgerschaftlichen Engagements und sollen Werte einer vielfältigen Gesellschaft vermitteln. Freiwilligendienste unterliegen festen Regeln, sind befristet und strukturieren den Alltag der jungen Teilnehmenden. Gleichzeitig sind die Freiwilligendienste als Lerndienste gestaltet - durch praktische Arbeit in der Einsatzstelle und in Begleitseminaren wird (politische) Bildung direkt erlebt. Freiwilligendienste eröffnen für jungen Menschen wichtige Ermöglichungsräume für politische Bildung.
Mehr als 80.000 junge Menschen leisten einen Freiwilligendienst in Deutschland, davon etwa 4.000 im Sportbereich. Als Einsatzstellen im Sport kommen Vereine, Verbände und Sporteinrichtungen in Frage, die regelmäßig Spiel-, Sport- und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche organisieren und sonstige Betreuungsdienste für diese Zielgruppe anbieten. Auch Sportverbände, Schulen und Kitas gehören zu den Einsatzstellen. Um die Bedarfe weiter zu decken, fordert die Deutsche Sportjugend die Umsetzung des von Jugendministerin Dr. Franziska Giffey Ende 2018 vorgestellten Konzepts des "Jugendfreiwilligenjahres“.
Ebenso hat die Vollversammlung der Sportjugend Sachsen-Anhalt am 10.10.2020 ein Positionspapier zur Stärkung der Freiwilligendienste im Bundesland verabschiedet, welches in Kürze veröffentlicht wird.

Auslandsaufenthalte als praktische Erfahrung – internationale Jugendarbeit
Internationale Austauschprogramme bieten sich an, um jungen Menschen transnationale politische Bildung näherzubringen. Die Auswertung der amtlichen Kinder- und Jugendhilfestatistik zeigt, dass die Akteure der internationalen Jugendarbeit auch politische Themen in ihren Angeboten als Schwerpunkte setzten. So finden 56 Prozent aller Angebote der internationalen Jugendarbeit zum weit gefassten Schwerpunkt „Gesellschaft, Religion und Kultur“, so der Bericht.

Der vollständige Bericht, der ausführlich viele weitere Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen untersucht, ist zu finden auf der Seite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

 Hier gehts zur Jugendbroschüre "Mitreden! Förderung demokratischer Bildung im Kindes-und Jugendalter" - Die Jugendbroschüre zum 16. Kinder-und Jugendbericht