04.11.2021 - Frank Löper/Stefan Gradwohl

Bundesweit erste Studie zu sexualisierter Gewalt im Breitensport

- Landessportbund und Sportjugend Sachsen-Anhalt seit zehn Jahren mit umfangreichen Maßnahmenkatalog für Prävention und Beratung -

Das Forschungsprojekt „SicherImSport“ von Uni Wuppertal und Uniklinikum Ulm, an dem sich elf Landessportbünde, darunter auch der LSB Sachsen-Anhalt, beteiligen, untersucht seit August 2020 sexualisierte Gewalterfahrungen im Breitensport. Nach Abschluss der Datenerhebung von fast 4.400 befragten Vereinsmitgliedern liegen jetzt erste Zwischenergebnisse vor. Nach der „Safe Sport“-Studie zum Leistungssport 2016 werden erstmals Daten zum Breitensport ausgewertet. Die größte Untersuchung zu diesem sensiblen Thema soll bis zur Jahresmitte 2022 abgeschlossen sein.

„Die Befunde unserer Online-Studie bestätigen, dass sexualisierte Grenzverletzungen, Belästigung und Gewalt auch im Vereinssport vorkommen. Deshalb sind der Ausbau von Maßnahmen zum Schutz vor Belästigung und Gewalt sowie Anlaufstellen und Unterstützungsangebote für Betroffene im Sport wichtig. Das hat ein großer Teil der Sportverbände erkannt und Maßnahmen zur Prävention eingeführt“, betonen Prof. Dr. Bettina Rulofs (Bergische Universität Wuppertal) sowie Dr. Marc Allroggen und Dr. Thea Rau (Universitätsklinikum Ulm) als wissenschaftliche Projektleitung. „Wir haben uns gemeinsam mit zehn weiteren Landessportbünden an dieser Studie beteiligt, um herauszufinden, in welchem Ausmaß Gewalterfahrungen im Breitensport vorkommen. Die Ergebnisse bestärken uns in den Maßnahmen, die wir in der Vergangenheit ergriffen haben, zeigen aber auch eindeutig auf, dass wir künftig noch mehr tun müssen“, sagt LSB-Vorstandsvorsitzender Tobias Knoch.

Die Mehrheit der Befragten gab an, mit dem Vereinssport insgesamt „allgemein gute bis sehr gute Erfahrungen“ gemacht zu haben, doch etwa ein Viertel der Vereinsmitglieder (rund 26 Prozent) erfuhr mindestens einmal sexualisierte Grenzverletzungen oder Belästigungen (ohne Körperkontakt) im Kontext des Vereinssports, beispielsweise in Form von anzüglichen Bemerkungen oder unerwünschten Text- oder Bildnachrichten mit sexuellen Inhalten. Bei rund 19 Prozent kam mindestens einmal sexualisierte Belästigung oder Gewalt mit Körperkontakt vor, zum Beispiel sexuelle Berührungen oder sexuelle Handlungen gegen den Willen.
Auch weitere Formen der Verletzung oder Gewalt wurden in der Studie erhoben. So antworteten immerhin 64 Prozent der Personen, mindestens einmal emotionale Verletzungen oder Gewalt im Vereinssport erlebt zu haben, also beschimpft, bedroht oder ausgeschlossen worden zu sein. Mehr als jeder Dritte (37 Prozent) nannte mindestens einmal körperliche Verletzungen oder Gewalt, in Form von geschüttelt oder geschlagen werden.
Auch erwähnenswert: Je höher das sportliche Leistungsniveau, desto größer offenbar das Risiko, von Belästigung oder Gewalt betroffen zu sein. So berichten gleich 84 Prozent der Befragten, die auf internationaler Ebene im Leistungssport aktiv waren, von mindestens einer Erfahrung von Belästigung oder Gewalt. Das trifft im Vergleich „nur“ auf 53 Prozent derjenigen zu, die im Freizeit- oder Breitensport aktiv waren.
In einer weiteren Teilstudie äußerten sich über 300 Sportorganisationen (92 Kreis- und Stadtsportbünde sowie 215 Fachverbände in fünf Bundesländern), darunter auch alle Kreis- und Stadtsportbünde sowie ca. die Hälfte der Landesfachverbände in Sachsen-Anhalt, zum Stand der Prävention und Intervention innerhalb der eigenen Strukturen. Dabei gaben 63 Prozent (SSB/KSB) und 56 Prozent (Fachverbände) an, über fundierte Kenntnisse zur Vorbeugung von sexualisierter Gewalt zu verfügen. Allgemeine Präventionsmaßnahmen wie z.B. die Benennung von Ansprechpersonen, Durchführung von Schulungsmaßnahmen oder Einsicht von Führungszeugnissen sind demnach weit verbreitet. Risikoanalysen oder Konzepte zur Aufarbeitung von Vorfällen sind allerdings lediglich in nur einem Zehntel der Verbände vorhanden, die bei der Beratung zum Umgang mit Verdachtsfällen oder Vorfällen größten Unterstützungsbedarf haben.

LSB und Sportjugend seit zehn Jahren mit umfangreichen Maßnahmenkatalog für Prävention und Beratung
Der Landessportbund und die Sportjugend Sachsen-Anhalt engagieren sich seit nunmehr zehn Jahren in der Entwicklung und Umsetzung von präventiven Maßnahmen gegen sexualisierte Gewalt im Sport. Dazu gehören unter anderem ein Ehrenkodex, den jede*r Übungsleiter*in unterschreiben muss, eine Handreichung zum Kinder- und Jugendschutz sowie Empfehlungen zum Umgang mit dem erweiterten Führungszeugnis im Verein.
Seit 2018 werden durch die Sportjugend Sachsen-Anhalt in einem mehrteiligen Qualifizierungsmodul Kinderschutzbeauftragte in Sportvereinen ausgebildet und somit ein wirksames Netzwerk aus Vereinen und Verbänden aufgebaut. LSB und Sportjugend unterstützten und beraten Vereine, Verbände sowie Betroffene und deren Angehörige bei Fragen und Problemen bezüglich sexualisierter Gewalt und Kindeswohlgefährdung. Dabei verfolgen alle Maßnahmen das Ziel präventiv zu wirken, sexualisierte Gewalt im Sport zu enttabuisieren, in Krisen- und Verdachtsfällen bestmöglich zu handeln und zu unterstützen sowie vergangene Fälle aufzuarbeiten.

Ihr Ansprechpartner zum Thema:
Sportjugend Sachsen-Anhalt
Stefan Gradwohl
Tel.: 03 45/52 79-167
Mail: gradwohl@lsb-sachsen-anhalt.de

 Eine Zusammenfassung der ersten Zwischenergebnisse der Online-Studie finden Sie hier: